EFD in Frankreich

Heimkehrer – Was bleibt vom EFD?
Ein Erfahrungsbericht

Seit einem Monat bin ich nun zurück von meinem Freiwilligendienst in Frankreich und denke zurück. Ich denke zurück an den Schuljungen, der aufbrach, abenteuerlustig, ohne
Erwartungen und gleichzeitig voller Erwartungen. Ich wusste nicht, wie es sein würde, fühlte aber, dass alles gut und einfach würde.
Dann, kaum angekommen: das Einführungsseminar – eine unvergessliche Woche! Zwei Dutzend junge Leute, alle genauso erwartungsfroh wie ich, Abenteuer Frankreich, wir
kommen! Die Stimmung ist exzellent, wir träumen zusammen. Wie wir Teil unseres Dorfes werden würden, unter Franzosen leben, gemeinsam Frankreich erreisen, mit den schmalen 115 Euro Taschengeld klarkommen, Tauschringe, Foodsharing, Hitchhiking.
Die ersten Wochen, alles ist neu und aufregend, wir lernen und lernen und unsere großen Augen freuen jeden. Ich habe selbst einige Erfahrungsberichte vor meiner Entscheidung zum EFD gelesen: von dieser Aufbruchsstimmung, Sprachproblemen, Multikulti-WGs, Abspülstreit, aber alles mit dem Fazit: Es hätte nicht besser sein können.
Und doch gibt es auch die dunkle, andere Seite, die wohl jedem begegnen wird, begegnen muss. Nach 6 Monaten das Zwischenseminar: müde Gesichter, anstatt der geselligen Abende geht man zeitig zu Bett, man denkt an die nächsten Wochen, an Arbeit. Von manchen hört man, sie hätten vorzeitig aufgehört; doch davon redet man ungern. Bei vielen ist die Freude über das Neue recht bald der Enttäuschung über die Eintönigkeit gewichen, sie fühlen sich hintergangen, manchmal seien sie weniger Freiwillige als günstige Arbeiter, gerade nicht zu schade zum Kindergarten Putzen oder Excel-Tabellen Ausfüllen. Die Begeisterung, sich in ein neues Land zu integrieren, weicht der Ernüchterung: oft ist es schwer, mit den Bewohnern in tieferen Kontakt zu kommen, zu hoch ist die sprachliche und kulturelle Barriere. Es bleiben andere Freiwillige oder Erasmus-Studenten, aber irgendwann wird es auch langweilig, beim internationalen Café der Universität seine Geschichte zum zehnten Mal zum Besten zu geben.
Die Seminarleiter erinnern uns an unsere ursprünglichen Ziele und an die Werte des EFD. Im persönlichen Gespräch erklären sie kühl, jeder müsse für sich selbst abwägen, ob die Vor- oder Nachteile überwögen. Abzubrechen sei keine Schande, durchzuhalten manchmal lohnenswert.
Wir entscheiden uns durchzuhalten. Es tut gut, zu sehen, dass man nicht allein im Zweifeln ist, dass andere ähnliche Situationen erleben. Man weist einander darauf hin, wie viel von der Erzählung des anderen doch eigentlich gut ist, wie viel Aufregendes man nur nicht mehr wahrnimmt, wie viel man doch noch ausprobieren kann, wie viel noch wartet. Das macht Mut.
Und daran denkt man zurück, wenn mal wieder eine kleine Krise ist: an die Goldgräberstimmung der Anfangszeit, an solche Gespräche mit Gleichgesinnten, an seine
ursprünglichen Wünsche und an frühere Schwierigkeiten, die man inzwischen hinter sich gelassen hat.
Und so blickt man auf alles gelassener, wissend, dass sie Stimmung sich wöchentlich, täglich ändern kann, und möchte sich das Schöne nicht durch falsche Erwartungen verunreinigen lassen. Reisen, viele schöne Begegnungen, Abschiede, Seminare, neue Hobbies, neue Freunde … Die Zeit vergeht schnell, das Leben ist intensiv, manchmal bis zur Grenze, auf jeden Fall abwechslungsreich, und man nimmt kaum wahr, dass schon wieder ein Monat vergangen ist.
Denn dann naht auch schon das Ende! So schnell!, denkt man wehmütig, und auf einmal ist alles, woran man zurückdenkt, gut.
Vielleicht ist losziehen einfacher als zurückkehren. Auf viele wartet die Ungewissheit, jedoch keine berauschende, sondern eine drückende: Wird sich eine Arbeit finden lassen,
die sich auch sinnvoll anfühlt? Die Spaß macht und anknüpft an alles, was man hat wertschätzen lernen? Oder wird das Studium sich nicht zu trocken, zu langweilig anfühlen
nach einem Jahr voller Erlebnisse?
Man versucht, Bilanz zu ziehen. Oft las ich vor meiner Abreise in Erfahrungsberichten: Ich bin ein anderer Mensch geworden. Doch was heißt das? Man rätselt und war auf einmal nicht mehr sicher, ob der EFD auch für stille, schüchterne Menschen wie mich ist, die doch nie solche pathetische Worte in den Mund nehmen würden. Und doch muss ich zugeben, dass ich Veränderungen durchgemacht habe, und diese gut finde. Gerade in seiner Jugend ist man ungemein empfänglich für Einstellungen, Sicht- und Lebensweisen aus seiner Umgebung, und ich glaube, die Freiwilligenwelt ist eine der besten Umgebungen, in die man in dieser Hinsicht geraten kann. Wenn also ein International-Business-Studium zu Konkurrenzgeist und Materialismus erzieht, so erzieht die Freiwilligenwelt zur Offenheit für Neues, zu Kontaktfreudigkeit, Initiativgeist, kritisch-alternativem Denken, dem Verständnis für Andersdenkende, zu Selbstreflexion und sozialer Verantwortung.
Ich, der ich noch zu Schulzeiten tönte, wie nutzlos flache Bekanntschaften doch seien im Vergleich zu einer echten, jahrelang gewachsenen Freundschaft, komme zurück und gebe zu: jede neue Begegnung kann einen in einem neuen Punkt öffnen, uns Neues lehren, verstehen lassen. Und dabei muss man dem anderen nicht einmal zustimmen.
Solche kleine Einsichten gibt es viele, und vielleicht kann man letzten Endes doch mit einiger Berechtigung sagen: Ja, ich bin ein Stück weit ein neuer Mensch geworden.
Das sieht man oft: Freiwillige, mit denen man das Jahr verbracht hat und bei denen man denkt, sie hätten sich um 180 Grad gewandelt.
Doch vielleicht wandeln sie sich gar nicht, sie nehmen nichts Neues an, sondern streifen ab, was nicht zu ihnen gehört. Und darunter ist schon alles vorhanden und wartet nur darauf, entdeckt zu werden. Was wir als Entwicklung bezeichnen, ist vielleicht vielmehr ein sich selbst besser Kennenlernen.
Doch was bleibt sonst von einem Freiwilligendienst, außer lebensferner Lebensphilosophie?
Ganz konkret: Ein internationales Netzwerk von Freunden und Bekannten, gegenseitige Einladungen und nicht nur Schlafplätze, sondern auch die Möglichkeit, ein Land von innen heraus zu erkunden mit persönlichen Führern; Sprachkenntnisse, die sich anders wohl kaum erwerben ließen (bis zum gegenseitigen Verwechseln deutscher, englischer und französischer Wörter, denn irgendwann fühlt man sich in allen Sprachen wohl);
Fertigkeiten und Fähigkeiten, die man sich in einem klassischen Lebenslauf – Schule, Uni,Bürojob – nur schwer aneignen würde: Wer hätte schon gedacht, dass der künftige
Mathestudent etwas so „primitives“ wie Gartenarbeit und Holzhacken zu schätzen lernen würde?
Das ist das äußerlich Sichtbare, und so stellen wir unseren Freiwilligendienst nach außen hin dar. Viel schwerer zu kommunizieren ist das Innerliche: Auf einen „Rückkehrschock“ wurden wir abstrakt vorbereitet, jetzt beginnen wir zu verstehen, was damit gemeint sei.
Wieder die Heimatsprache zu sprechen? Weit mehr: Wir haben eine Liebe zum Reisen entwickelt, eine Liebe zum Lernen, Vertrauen und Offenheit gegenüber Fremden, wir
brauchen keine feste Heimat mehr, fühlen uns überall zu Hause, wir sind jetzt eine Umgebung intelligenter junger Menschen gewohnt, die wissen, dass alle Menschen auf ihre
Art sonderbar sind, wir beachten keine Äußerlichkeiten, schätzen das Improvisierte, haben eine Freude am Kennenlernen und integrieren andere, da wir sonst alles Ausgeschlossene wären.
Ein Schock also, wieder von Leuten schief angeschaut zu werden, wenn man tut, was einem gefällt, wenn das Improvisierte als verlottert verachtet wird, wenn Geld und Dinge wieder mehr Wert zu haben scheinen, als ihr Nutzen rechtfertigt, wenn man sieht, wie viel Mühe sich manche geben, sich abzuschotten gegen alles, was ihre Überzeugungen gefährden könnte.
Ein Schock auch, wenn Eltern und Großeltern einen wie einen Kriegsheimkehrer behandeln – Gott sei Dank! das Jahr ist überstanden, jetzt gilt es, den Kleinen wieder aufzupäppeln – wenn alte Freunde einen trotz aller Änderungen weiterbehandeln wie vor einem Jahr und man weder aufbegehren noch sich fügen möchte. Schwierig das alles, weil es unmöglich ist, ein Jahr voller Entwicklungen Außenstehenden begreiflich zu machen, und sei es auch mit noch so viel Skypen und Fotos Zeigen.
Doch das ist das Abenteuer des Reifens und des Erwachsenwerdens, jetzt diktiert uns nicht mehr unsere Umgebung, wer wir seien, und versucht sie es noch, so wirkt es lächerlich skurril. Jetzt ist es andersherum: jetzt sind wir wir selbst, und als solche suchen wir uns eine Umgebung, die zu uns passt.
Manchmal sprechen mich Leute darauf an, dass ich älter wirke als meine jungen 19 Jahre.
Was soll ich antworten? Vielleicht, dass dieses eine Jahr Freiwilligendienst so viel mehr und länger war als nur ein einziges Jahr. Manche bleiben ihr Leben lang Teenager. Andere gehen hinaus, entdecken die Welt, entdecken sich selbst und sagen: Ja!

Fabian G. leistete von September 2014 bis August 2015 einen Europäischen Freiwilligendienst für
Solidarités Jeunesses, eine der größten und erfahrensten Freiwilligenorganisationen Frankreichs. Die
Tätigkeiten der Freiwilligen dort sind vielfältig: von manueller Arbeit im pädagogischen Garten,
Mithilfe bei der Betreuung von Gruppen, sozialen Projekten mit Partnervereinen vor Ort bis zur
Organisation von Workcamps. Die jeweils fünf bis zehn internationalen Freiwilligen leben und
arbeiten ein Jahr lang zusammen in einem der sieben Gruppenheime des Vereins und lernen nebenbei
über die Kulturen ihrer Mitfreiwilligen.