Erfahrungen und Eindrücke aus Island

Sommer 2007

Ich könnte Romane schreiben über mein Workcamp in Island, so viele Eindrücke und Erlebnisse habe ich mitgenommen. Ich versuche mich an einem kleinen Ausschnitt. Unsere Gruppe bestand aus 20 Leuten zwischen 18 und 42 Jahren aus 12 Ländern, beginnend bei halb Europa über Mexiko, Australien und den USA bis zu Japan. Abgesehen von Afrika waren alle Kontinente vertreten. Ein bunter und so liebenswerter Haufen! Untergebracht waren wir in einem Jugendzentrum - ein Matratzenlager zwischen Tischtennis, Tischfußball, Billard und unter Discoscheinwerfern. Die Küche mit Blick auf einen der Vulkankegel wurde mit ihren gemütlichen Sofas und natürlich den dort gelagerten Essensvorräten zum gesellschaftlichen Treffpunkt. Dass sie aufgrund ihrer überschaubaren Größe eigentlich immer vollkommen überfüllt war, machte die Sache noch viel behaglicher. (Ja, schon jetzt nach meinen ersten Sätzen - all die schönen Erinnerungen, all die kleinen großen Anekdoten - sitze ich hier lächelnd und bekomme „Heimweh".) Island, ein Land mit einer Einwohnerzahl wie meine Heimatstadt, die ich immer als so provinziell empfunden habe. 313.000 Menschen. Ein Telefonbuch für das gesamte Land. Wir auf einer kleinen Insel namens Heimaey südlich der Hauptinsel, noch einmal ein Art abgeschiedener Mikrokosmos. Ein paar Mal Kneipenbesuch am Abend reichten, um das halbe Dorf zu kennen, ständig auf der Straße gegrüßt zu werden und zu Partys „einheimischer" Jugendlicher eingeladen zu werden. Die unglaublich freundliche, hilfsbereite und offene Art der Menschen dort war kaum zu glauben. Wirklich, ein bisschen Gewöhnungsphase habe ich gebraucht: man neigt dazu, manchmal den Mund offen stehen zu lassen. Die isländische Sprache war allerdings nicht so ganz unkompliziert. Einmal gesellte sich ein ca. 8-jähriger Junge beim Arbeiten zu uns, und wir unterhielten uns ein wenig (Englisch konnten selbst kleine Kinder schon unglaublich gut). Eine Stunde später kam er wieder, fragte, ob man seinen Namen, der unaussprechbar war, noch wüsste. Der Befragte wusste - und bekam dafür einen Schokoriegel.
Unsere Arbeit drehte sich um ein jährlich stattfindendes Festival zur Feier der Unabhängigkeit Islands. Wir halfen bei der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung. Im Vorfeld strichen wir z.B. Hütten und säuberten das Gelände. Während des Festivals spielten wir tagsüber Security, d.h. wir zeigten Präsenz (so der Auftrag; dass wir ziemlich über uns lachten, muss ich, glaube ich, nicht erwähnen) und halfen in erster Linie, wegfliegende Zelte einzufangen und aufzubauen. Nach dem Festival räumten wir auf. Mit den Arbeitszeiten nahmen es die Isländer irgendwie nicht so genau. Ein typischer Arbeitstag sah etwa so aus: 13 Uhr schlenderten wir zusammen auf das Festivalgelände und erkundigten uns, was denn zu tun sei. Bis wir einen konkreten Auftrag bekamen, dauerte es in der Regel ca. 20 Minuten, die wir im Gras liegend uns unterhaltend verbrachten. Danach machten wir uns mit Farbe und Pinsel ausgestattet ans Malen - bis uns 45 Minuten später die Farbe ausging. Also machte sich einer unserer „Chefs" irgendwann auf den Weg, Nachschub zu besorgen. Die nächsten 30 Minuten Wartezeit spielten wir also Fußball. Dann ging's ein bisschen weiter. Bis wiederum 45 Minuten später ein Auto vorfuhr, Cafépause verkündete und uns mit Getränken und Süßigkeiten versorgte. Dann noch mal ein bisschen arbeiten, bis schließlich unser Auftrag erfüllt war. Auf Nachfrage hieß es, es gäbe nichts Neues und: „relax!" oder auch „enjoy yourselves!". „Arbeitstag" beendet.
Das Festival an sich war auch ein wunderschönes Erlebnis. Für Menschen wie mich, die die Stimmung auf Festivals lieben, umso mehr. Tausende von Isländern kamen zu den Konzerten und anderen Veranstaltungen, sangen, feierten. Riesige Feuerwerke, Fackelketten und Leuchtfeuer erhellten den Himmel. Eine riesengroße Party und wir mittendrin.
Die Kochteams zauberten täglich leckeres Interessantes aus den verschiedenen Ländern auf den Tisch, so dass wir am Schluss alle ein paar Kilos mehr auf den Hüften hatten. Aber die hatten sich gelohnt! Wir erkundeten zusammen die Insel, bekamen kostenlose Bootstouren und vergünstigte Reitausflüge mit den bekannten isländischen Pferden. An den Abenden außerhalb der Festivalzeit versammelten wir uns entweder im Whirlpool (für das Schwimmbad hatten wir für den gesamten Zeitraum Freikarten), erklommen einen der Vulkane oder Felsen, um den Sonnenuntergang zu genießen, oder besuchten die örtliche Kneipe, um dann morgens um 4 bei vollkommener Helligkeit nach Hause zu gehen (die Sonne geht zu dieser Jahreszeit in Island zwar unter, verschwindet aber nur knapp hinter dem Horizont, so dass es nie richtig dunkel wird). Faszinierend und einfach isländisch war auch ein anderer, ganz besonderer Abend. Wir bestiegen einen der Vulkane, der erst 1973 zuletzt ausgebrochen ist und dessen Krater in 1m Tiefe fast 500°C misst. Das Kochteam hatte in Alufolie gewickelte Würstchen, Gemüse und Kartoffeln sowie einen Kuchen vorbereitet. Alles wurde im warmen Erdreich verbuddelt und war schon kurze Zeit später gar. So saßen und lagen wir dann dort oben auf dem angenehm warmen Boden mit Blick auf die Gletscher des Festlandes und das weite Meer und ließen es uns schmecken.
Bevor ich mich jetzt nicht mehr stoppen kann: dieses Workcamp war mein erstes Workcamp, wird aber ganz bestimmt nicht mein letztes sein. Es war eine wunderschöne Erfahrung, mehrere Wochen mit Menschen aus der ganzen Welt zusammen zu sein. Eine kulturelle Bereicherung, interessant und erfrischend und sehr intensiv. Ich habe viel gelernt (allein all die „internationalen" Witze) und hatte so viel Spaß. Ich war schon in einigen Ländern im Urlaub, aber im Rahmen des Workcamps habe ich einen ganz anderen Einblick in und Bezug zu meinem Gastland, seinen Bewohnern und seiner Kultur bekommen. Und wenn ich mal nach Paris, New York oder Tokio komme, weiß ich, alte Freunde zu treffen.

Anna