Workcamp in Wooster Teerofen

05.09.2006

Am Montag, den 21.08.06, war es endlich soweit. Unser Workcamp in Wooster Teerofen, einem kleinen Dörfchen in Mecklenburg Vorpommern, sollte beginnen. Wir hofften, dass alle unsere Teilnehmer erst einmal ihren Weg nach Güstrow oder Krakow am See finden würden. Und tatsächlich reisten dann am Vormittag unsere zwei japanischen Teilnehmer an und auch Oksana, eine junge Ukrainerin, konnten wir schon begrüßen. Nicht nur für die anderen Teilnehmer, sondern auch für uns war der Zeltplatz mit seiner gesamten Umgebung Neuland. Als wir ankamen begutachteten wir erstmal unser kleines Aufenthalthäuschen sowie unsere Schlafplätze, welche da Zelte waren. Das Häuschen bestand aus zwei größeren Räumen und einer Küche. Hier fiel uns sofort ins Auge, dass es kein fließendes Wasser gab, was sich im Endeffekt nicht als Problem herausstellte, denn so bekam jeder schon mal ein Mindestmaß an Bewegung, nämlich beim regelmäßigen Gang zum Wasser holen (war ja schließlich ein Workcamp…J). Mit den schon angereisten Campteilnehmern versuchten wir dann das Haus gemütlicher zu gestalten: wir hängten unsere tollen VJF- Poster und Landkarten auf, legten Spiele und Stifte aus und legten blau-weiß karierte Tischdecken auf die Tische und schon sah es so aus als hätten wir schon immer dort gewohnt. In einem der Räume standen Liegen, die wir sodann in die Zelten brachten und ehe wir auch nur bis drei zählen konnten war es auch schon später Nachmittag und es gab das erste Mal Abendbrot, wobei wir nur eine Runde von fünf Leuten waren. Wir begannen uns schon zu fragen, ob Krakow am See nicht doch zu schwer zu finden ist, bis dann am späteren Abend die nächsten Teilnehmer, ein Pärchen aus der Türkei, den Weg in unser trautes Heim fanden. Die beiden gaben uns nicht nur Hoffnung, doch noch vollzählig zu werden - sie  erleichterten uns die „Arbeit“ mit ihrer freundlichen, aufgeschlossenen Art. Nun warteten wir also noch auf vier weitere Teilnehmer. Gegen Mitternacht freuten wir uns dann über Simones (Italien)und Yassines (Marokko) Ankunft und schon hatten wir den ersten Tag geschafft und konnten in unsere Schlafsäcke kriechen. Am nächsten Morgen wurde entschieden, den ersten Arbeitstag in Angriff zu nehmen. Nach einem guten Frühstück kam Ralf, ein Mitglied unseres Projektpartners, dem Forstamt Sandhof und dem Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide, und brachte uns Arbeitsgeräte. An diesem Tag bestand unsere Arbeit in der Erhaltung der umliegenden Kulturlandschaft. Wir durften in einem Kiefernwald kleinere (Laub)Bäume und Sträucher entfernen, damit die darunter wachsenden Pflanzen wie Heidelbeere und Wachholder genügend Licht bekommen. Als die Arbeit dann geschafft war, ging es wieder nach Hause und es gab Sandwiches und freie Nachmittagsgestaltung. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass nach der Arbeit jeder zu sich nehmen konnte, was er wollte und man erst einmal ein zwei Stunden zum Entspannen nach der Arbeit hatte. Alle waren noch ein bisschen geschafft von ihrer Anreise und freuten sich auf Freizeit. Das erste Abendbrot wurde von Jana gekocht. Es gab eine ganz traditionelle deutsche Mahlzeit: Kartoffeln mit Quark. Wir stellten fest, dass dieses Gericht typisch deutsch sein muss, da die anderen schon ein bisschen schauten, was das denn sei. Aber zum Glück hatten wir keine „Mäckelgruppe“ und es wurde brav gegessen. An diesem Abend spielten wir dann ein sehr amüsantes Spiel namens „Son of the Bitch“. Der Name klingt ein wenig seltsam aber das Spiel hat uns allen so richtig Spaß gemacht. Es wurde viel gelacht und lachen ist ja bekanntlich gesund.

Am nächsten Morgen ging es früh raus. Wir einigten uns mit dem Projektpartner um 10 Uhr mit der Arbeit zu beginnen, das hieß 8:30 Uhr Frühstück. Zugegebenermaßen fiel uns diese Uhrzeit auch von Tag zu Tag schwerer aber auch hier hatten wir keine „Meckergruppe“. Das mit dem selbstständigen Aufstehen haben wir zwar selbst am letzten Morgen noch nicht hinbekommen aber einer lustigen Truppe verzeiht man so einiges. Außerdem waren unsere Teilnehmer wahre Frühstückskünstler. Jeden Morgen wurden erlesene Cornflakes, Joghurt und Toasts serviert; der Hit allerdings waren die Eier. Es gab alle Varianten der Eierverarbeitung: gekochte Eier, Rührei und diverse länderspezifische Omeletts. So stieg nicht nur unser Cholesterinspiegel sondern gleich auch die Laune auf ein absolutes Hoch. Der zweite Arbeitstag, an dem die gleiche Arbeit verrichtet wurde, erwies sich als nicht so gut. Es begann zu regnen und dem entsprechend waren alle ein bisschen fertig und leicht nass. Nur unseren beiden Jungs, Yigit und Simone, ging es gut. Sie durften mit den Mitarbeitern der Naturparkverwaltung auf eine Insel fahren und dort arbeiten. Außerdem bekamen sie noch die Lebensgeschichten der verschiedenen Insekten mitgeteilt, was ein Übermaß an Begeisterung auslöste und gleich dafür sorgte, dass unsere Projektpartner vollständig akzeptiert wurden und der Weg zu einer innigen Freundschaft war geebnet (und zwar nicht nur zu den Insekten). Leider hat der Rest der Gruppe mehr den Regen als die Insekten kennen lernen dürfen, was es uns schwer machte, sie zu motivieren. Aber am Ende des Dunkels sahen wir dann schon wieder das nächste Licht, das da in Form von Fahrrädern daher kam. Ehe wir uns versahen ging es auf nach Krakow am See, und zwar per Fahrrad. Das Wetter schlug auch um und mit ihm glücklicherweise auch die Stimmung. Nach etwa 1 ½ Radtour durchs Grüne, kamen wir in Krakow an und trafen dort auf Jana und Ceren, die mit dem Bus gefahren waren, da Ceren noch ein wenig auf Kriegsfuß mit dem seltsamen Gerät auf zwei Rädern stand. Aber so konnte auch der nötige Einkauf transportiert werden, denn der vom Forstamt Sandhof gestellte Bus erwies sich als äußerst tragfähig und auch immer wieder als eine ganz große Hilfe. Wir waren unabhängig vom Projektpartner, konnten problemlos zur Arbeit gelangen und zum Einkaufen fahren, ohne dass wir ständig unsere Ansprechpersonen um Hilfe bitten mussten. In Krakow dann machten wir einen kleinen Spaziergang am See und versuchten die geheimen Attraktionen der kleinen Stadt in Mecklenburg Vorpommern zu entdecken. Leider war es schon ein wenig später und die Synagoge hatte schon zu. Der Rückweg war dann schon ein bisschen anstrengender aber nach einer Stunde hatten wir auch diesen geschafft. An diesem Abend wurde türkisch gekocht. Yigit erwies sich als Meisterkoch und war der deutschen Küche um Längen voraus. Nach dem Essen begann dann das traditionelle Abwaschen. Dazu mussten wir immer das gesamte Geschirr von unserem Häuschen zum Duschhaus bringen, in dem sich auch ein Raum speziell zur Geschirr- und Bekleidungsreinigung befand. Es war schön mit anzusehen, dass trotz Plan für Frühstück, Saubermachen und Abwaschen immer alle mit halfen und sich gegenseitig unterstützten. Dadurch wurde der Abwasch immer schnell erledigt und es konnten sich alle zu einem abendlichen Spiel, Quasselabend oder ein wenig Origami einfinden. An unserem dritten Arbeitstag ging es dann auf in die Liastongrube. Hier wurde vom Naturpark ein Lehrpfad erstellt, den es nun vom Holz zu befreien galt. Dies sah zu Anfang recht harmlos aus, doch nach einer Weile kamen wir alle mächtig ins Schwitzen. Doch mit ausreichend Pausen und dem Ende des Arbeitstages in Sicht (meist so gegen 14-15 Uhr), waren wir guter Dinge. An diesem Tag war das Wetter sogar mal so gut, dass wir baden gehen konnten nach der Arbeit. Das war dann auch ein Vergnügen besonderer Art. Welch fantastische Abkühlung! Das sollte aber nicht das einzige Highlight des Tages bleiben, denn am Abend war eine Fledermausführung geplant. Ralf Koch führte uns nach einem kleinen Vortrag über Fledermäuse, bei dem man auch mal eine kleine Fledermaus halten durfte, durch die stockfinstere Wildnis Mecklenburg Vorpommerns. Wir lernten wie Fledermäuse sich verständigen, sehen und wo sie ihr Winterquartier einnehmen. Ein altes Bunkersystem stellt die Behausung der Fledermäuse über den Winter dar. Dorthin „verschleppte“ uns Ralf nach seinen Erklärungen und wir durften es hinabkletternderweise besichtigen. Am Ende dieser Führung waren wir alle total begeistert: zum einen, weil wir so viel über Fledermäuse erfahren durften, zum anderen aber auch ein klein bisschen, weil wir wieder in der Nähe eines Weges waren. Tief in unserem Inneren hatten wir die Hoffnung schon aufgegeben, jemals wieder aus dem Wald heraus zu kommen…J Am Freitagmorgen dann gab es gleich wieder den nächsten Hit: Kanutour auf der Mildenitz, verbunden mit dem nützlichen Zweck des Müllaufsammelns während der Fahrt. Theoretisch eine Superidee, die auch praktisch noch super war, wenn man mal von dem komischen Nieselregenwetter absah. Zwischenzeitlich hörte es zwar auf zu regnen aber leider kamen wir doch insgesamt mit sehr viel Wasser von oben und unten in Berührung. Zurück in unserem Camp, mussten alle erstmal duschen und ihre Sachen trocknen – wahlweise auch mit dem Fön. Die Folge des nassen und zum Teil kalten Wetters war, dass alle ein bisschen rumkränkelten. Aber keiner beschwerte sich dermaßen, dass die Stimmung permanent am Boden war. Der allgemeine Tenor kann ganz gut mit einem kleinen Zitat von Yigit beschrieben werden, das er uns in unserem Campdiary zum Besten gab: „I feel myself like going to melt by the rain…I thought that „August“ is a summer month. If this is summer I cannot imagine winter!!! It is obvious why birds fly to Africa these days. Every logical creature has to go south. If I stay my blood is going to freeze!!!“ Er blieb dann noch ein Weilchen und unseres Wissens nach ist sein Blut auch noch warm. Außerdem hat er es geschafft, uns alle mit dieser Art Einträgen immer wieder zum Lachen zu bringen, so dass wir unsere Restwärme konservieren konnten.

Am Wochenende wurde erstmal ausgeschlafen und dann marschierten wir fröhlichst, weil ausgeschlafen, zum Heideblütenfest. Auf diesem Fest konnten wir alle deutsche Kultur hautnah erleben. Es fanden Säge- und Bogenschießwettbewerbe statt, man konnte sich anmalen lassen, was wir uns natürlich nicht nehmen lassen wollten und außerdem konnte man diverse Heideköniginnen begutachten. Steffen, besagter Kenner der Tierwelt, betreute einen Infostand zum Naturpark, an dem auch Holzfiguren bemalt werden konnten. Auch hier konnten wir mal wieder nicht nein sagen und hatten angemalter- und bemalenderweise richtig viel Spaß. Nach dem Abendmahl, das in unserem trauten Heim stattfand, ging es wieder zurück: diesmal zum Dorftanz. Es wurde getanzt, gefeiert und ein Bierchen dazu getrunken. Alles in allem ziemlich gelungen. Unser sonntäglicher Ausflug nach Warnemünde war mal wieder getrübt durch unschöne Wetterbedingungen. Aber die Hafenrundfahrt, den Besuch des Leuchtturms und den Ausflug zum Strand ließen wir uns nicht nehmen und unsere Campteilnehmer zeigten wieder einmal, dass sie von so ein bisschen Wasser nicht klein zu kriegen sind. Und so bedankte sich Petrus am nächsten Tag mit Sonnenschein bei einer Draisinentour, bei der wir wieder fleißig Müll eingesammelt haben. Zum Schluss hatten wir vier blaue Säcke mit Müll gefüllt. Wenn also auf der Strecke noch Müll zu finden ist, dann muss der nach uns dort hingekommen sein!!! Die folgenden Tage verbrachten wir damit, die Gegend kennen zu lernen, denn das Wetter war so bescheiden, dass ernsthaftes Arbeiten in der Natur ein Hirngespinst gewesen wäre. Und so entdeckten wir den Naturpark Nossentiner/ Schwinzer Heide im Bus fahrend und mit Steffen als Personal Guide, das Heimatmuseum Goldberg, das Kloster Dobbertin und abends fanden wir dann noch den einen oder anderen Pilz, der verspeist werden konnte. Definitiv ein kulturelles Highlight waren die Origamischwäne. Japaner basteln bis zu 1000 dieser Schwäne, um Familienmitglieder oder Bekannte die z.B. im Krankenhaus liegen zu beschenken. Damit drücken sie ihr Mitgefühl aus und wünschen gute Besserung Es war immer wieder spannend den kulturellen Austausch hautnah miterleben zu dürfen.

Das Wetter spielte uns so übel mit, dass wir erst am letzten Tag unseres Camps auf den berühmt berüchtigten Großen Werder im Krakower Obersee schippern konnten. Dort sollte ein Zaun errichtet werden. Das Holz hatten unsere Männer ja schon vorbei gebracht aber da lag es nun einsam herum und wartete darauf, verarbeitet zu werden. Aber bevor wir in See stechen konnten, vertrieben wir uns die Zeit mit ein wenig Arbeit auf einer Obstbaumwiese.   Für den Nachmittag war ein besonderes Erlebnis geplant und zwar Reiten für alle. Während sich die Teilnehmer auf den Pferden vergnügten,  zogen wir los, um alle nötigen Einkäufe für unsere Grillparty zu erledigen, bei der es kulinarischen Köstlichkeiten aus den verschiedenen Ländern gab. Nach unserem letzten Arbeitseinsatz, der dann nun endlich auf der lang ersehnten Insel stattfand, wurde allen Teilnehmern klar, dass sich das Workcamp dem Ende neigte. Es wurden Adressen ausgetauscht und kleine Erinnerungsbriefchen geschrieben. Auch unser Camptagebuch wurde noch fleißig vervollständigt und Gedanken, Empfindungen und Eindrücke der letzten zwei Wochen wurden festgehalten. Nach zwei Wochen intensiven Erlebnissen im Regen, im Sonnenschein, bei japanischem, türkischem, italienischem, deutschem, marokkanischem und ukrainischem Dinner, bei Ausflügen in die Umgebung aber auch bei Diskussionen und Spielen war es nun Zeit Wooster Teerofen zu verlassen.  Der Abschied am Bahnhof in Güstrow fiel schwer; wir hatten kaum Zeit diesen wirklich wahrzunehmen und good-bye zu sagen, da befanden sich alle Teilnehmer schon in ihren Zügen. Die Erinnerung, die jeder von ihnen mitgenommen hat ist eine ganz besondere. Wir alle zusammen hatten Hochs und Tiefs zu überwinden aber wir haben es geschafft aus neun Menschen, die sich noch nie zuvor gesehen haben, eine fantastische kleine Gruppe zu formen. Möglich gemacht haben das die Teilnehmer selbst, da jeder einzelne aufgeschlossen, freundlich, fröhlich, hilfsbereit und zuvorkommend war. Neun junge Menschen, die dazu beitragen wollen, die Welt ein bisschen zum Positiven zu verändern, Vorurteile abzubauen und Brücken zwischen Kulturen zu errichten. Es war eine fantastische Zeit!!!

Jana